Die Dissertation von Dr. Karen Tschech ist veröffentlicht und kann auf der Homepage der Universität Regensburg heruntergeladen werden:
epub.uni-regensburg.de/77489/
Zusammenfassung:
Die Aussagen von Unfallfahrern werden häufig verwendet, um Verkehrsunfälle und ihre Ursachen zu untersuchen. Diese können durch eine Vielzahl von Faktoren verzerrt sein. Um die Nutzbarkeit der Angaben im Rahmen der Verkehrsunfallforschung richtig einschätzen zu können, ist ein umfassendes Verständnis ihrer Güte erforderlich. In Deutschland ist in einer zunehmenden Anzahl von Fahrzeugen ein Event Data Recorder (EDR) verbaut, der in den letzten fünf Sekunden vor einem Unfallereignis verschiedene Informationen aufzeichnet. Diese objektiven Daten über die Vorunfallphase bieten die Möglichkeit, die Qualität der Fahrerangaben auf einer verbesserten Vergleichsgrundlage zu bewerten. In der vorliegenden Arbeit wurden die Angaben von 115 Autofahrern, die im Kontext der AARU Verkehrsunfallforschung erhoben worden sind, systematisch mit den Erkenntnissen aus den EDR-Daten des jeweiligen Unfallfahrzeugs verglichen. Ziel war es, die Güte der Angaben zu bewerten und ein besseres Verständnis für die Art und Häufigkeit von Abweichungen zu erlangen. Der Fokus des Vergleichs lag auf dem Unfallhergang, der gefahrenen Geschwindigkeit und der Reaktion vor dem Unfall. Es wurde eine nicht-interventionelle retrospektive Registerstudie mit Unfällen durchgeführt, die durch die AARU Verkehrsunfallforschung analysiert worden sind. Der Großteil der Fahrer schilderte die Unfallentstehung plausibel, wobei in den meisten Fällen Abweichungen hinsichtlich von Teilaspekten des Unfallhergangs vorlagen. Die Geschwindigkeitsangaben der Fahrer waren insgesamt eher ungenau und die meisten Fahrer berichteten eine niedrigere Geschwindigkeit als sie laut EDR-Daten gefahren waren. Viele Fahrer hatten Schwierigkeiten, sich an ihre Vermeidungsreaktionen zu erinnern und berichteten in den EDR-Daten ersichtliche Reaktionen nicht. Von den Fahrern angegebene Reaktionen waren hingegen meist tatsächlich erfolgt und die Erinnerung daran weitgehend zuverlässig. Auf Basis der Ergebnisse wurden Rückschlüsse für die Bewertung und Nutzung der Fahrerangaben im Rahmen der Verkehrsunfallforschung gezogen. Die Fahrerangaben weisen meist eine ausreichende Plausibilität für die Unfallursachenbewertung auf. Hierfür bieten die Aussagen der Fahrer, trotz ihrer Qualitätseinschränkungen und der vermehrten Verfügbarkeit objektiver Daten, weiter einen wichtigen Mehrwert. Aufgrund der limitierten Zuverlässigkeit ist für die Verwendung jedoch eine Plausibilisierung mit weiteren Unfallinformationen erforderlich. Zudem muss eine Einordnung unter Berücksichtigung der möglichen Verzerrungsprozesse erfolgen. Dafür bieten die Erkenntnisse dieser Arbeit eine wichtige Grundlage.